Der Sound von Freiheit, Lederjacken und Transistorradios: Ein Montag im Juni 1966
Es ist Montag, der 6. Juni 1966. In Deutschland herrscht ungewöhnlich warmes und sonniges Sommerwetter und in den Schaufenstern der Plattenläden drängen sich die neuesten Vinyl-Singles. Jugendliche stehen in Trauben vor den Kiosken, denn heute ist der Tag, an dem die neue Ausgabe der BRAVO erscheint. Das Wichtigste an diesem Heft? Die BRAVO-Musicbox – das unbestrittene Barometer dafür, was auf den Plattentellern der Republik rauf und runter läuft.
Wer an diesem Nachmittag durch den Park schlendert, hört aus den kleinen, blechernen Lautsprechern der tragbaren Transistorradios immer wieder dieselbe unverkennbare Melodie. An der Spitze der Charts thronen unangefochten die vier Pilzköpfe aus Liverpool. Mit »Nowhere Man« haben die Beatles mal wieder den Nerv einer Generation getroffen, die sich von den starren Konventionen der Elterngeneration lösen will. Der Song läuft auf Radio Luxemburg in Dauerschleife. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Nur ein paar Plätze weiter hinten, auf Rang 3, besingen die Beach Boys mit harmonischem Satzgesang das Schicksal der »Sloop John B«. Es ist der perfekte Soundtrack für einen Sommer, der sich nach Freiheit, Strand und der weiten Welt anfühlt. Die Beach Boys haben in diesen Wochen mächtig aufgeholt und jagen den Beatles den Rang als absolute Lieblingsband der Teenager ab.
Gleichzeitig ist das Jahr 1966 eine Zeit des faszinierenden musikalischen Umbruchs. Während aus England der raue Beat der Rolling Stones rüberschallt – die mit »19th Nervous Breakdown« die Charts aufmischen – und die Kinks mit »Dedicated Follower of Fashion« den exzentrischen Lifestyle der Londoner Carnaby Street besingen, schunkelt ein anderer Teil der Jugend noch zu ganz traditionellen Klängen. Auf Platz 2 steht nämlich ein Mann, der so gar nichts mit langen Haaren und elektrischen Gitarren zu tun hat: Freddy (Quinn). Sein Song »Hundert Mann und ein Befehl«, die deutsche Version des amerikanischen Protestsongs »The Ballad of the Green Berets«, zeigt die Zerrissenheit dieser Epoche. In den Wohnzimmern der Eltern läuft Freddy, während in den Kellern der Teenager zu der Spencer Davis Group und ihrem mitreißenden »Somebody Help Me« wild getanzt wird.
In den Jugendzimmern, wo die Wände mit Postern von Ringo Starr, Stevie Winwood und Al Jardine zugekleistert sind, wird an diesem Abend eifrig diskutiert. Die Mädchen schwärmen für das sanfte Lächeln von Roy Black, der mit »Ganz in Weiß« (Platz 14) die Herzen im Sturm erobert, oder versuchen den coolen, selbstbewussten Blick von Nancy Sinatra nachzuahmen. Ihr Hit »These Boots Are Made for Walkin’« ist eine Hymne der weiblichen Unabhängigkeit geworden; überall sieht man Mädchen in bunten Miniröcken und weißen Lackstiefeln durch die Straßen flanieren.
Als der Abend hereinbricht, schalten Tausende Jugendliche heimlich unter der Bettdecke ihre Radios ein. Der Empfang schwankt, es rauscht und knackt, aber dann ertönen die ersten Takte von »Monday, Monday« von den Mama’s and Papa’s, dem sensationellen Neuzugang aus Amerika. Es ist eine magische Zeit. Musik ist plötzlich nicht mehr nur Unterhaltung – sie ist ein Lebensgefühl, ein Statement und die einzige Sprache, die die Erwachsenen garantiert nicht verstehen.